Osternfest auf Malta

Samstag, 26.04.2014

Die vorletzte Woche stand bei mir ganz unter dem Zeichen der Osterzeit. Ich habe noch nie so schöne und vielfältige Ostertraditionen beobachtet. Da die Malteser, wie viele andere Südländer alles, was ihnen wichtig ist, in einer großen Gesellschaft und auf den Straßen feiern und sich nicht mit ihrer Freude oder Trauer zu Hause oder in einer Kirche verkriechen, waren die Straßen in allen Städten in Malta voll und laut. Meine Nachbarn hatten für jeden Tag eine andere Flagge, die immer mit großer Sorgfältigkeit auf den Flaggenmast auf ihrer Dachterrasse gehisst wurde.  

Bereits am Samstag vor dem Palmsonntag fanden auf der ganzen Insel mehrere Vorführungen des Kreuzweges oder Prozessionen statt. Ich habe die Prozession in Tarxien beobachtet. Duzende von Bewohnern in historisch sehr genau abgebildeten Kleider gingen stundenlang durch die Straßen. Die erste Person war mir ein bisschen rätselhaft (es war entweder irgendwelcher Prophet aus dem alten Testament oder der Gott selbst, keine Ahnung), dann gingen römische Soldaten und wieder in der chronologischen Ordnung: Adam und Eva, Abraham mit seiner Familie, Mose, unzählige Propheten, König David, viele Könige mit denen die Israeliten Kriege geführt haben und dann die Personen aus dem neuen Testament. Irgendwo dazwischen ging eine Blechorchester (jede Stadt auf Malta hat eine eigene Blechorchester). Am Ende gingen wieder unzählige römische Soldaten. Als letzter ging der Jesus.  

Diese Szene machte auf mir einen erschütternden Eindruck, weil der Mann, der ihn spielte, einen unglaublich großen Kreuz getragen hat und, was am schlimmsten war, wurde er von zwei anderen Männern, die als römische Soldaten verkleidet waren, mit  ledernen Peitschen geschlagen. Ich stand in einer sehr schmalen Gasse und konnte mich nicht mehr zurückziehen, deswegen sind sie gleich neben mir vorbeigegangen und obwohl ich es am Anfang nicht glauben konnte, musste ich doch feststellen, dass Blut auf den nackten Rücken echt war. Unmittelbar dahinter ging eine zweite Blechorchester, die Trauermelodien spielte (Melodien, die gleichzeitig einer Trauermarsch- und einer Walzermelodie ähnlich waren). Die Menschen auf der Straße schwiegen, die Kinder (es waren sehr viele Kinder, auch im Kinderalter da) standen mit großen Augen und es hat sich eine sehr seltsame und erschreckende Atmosphäre gebildet. Die Prozession ging so ungefähr drei Stunden und am sehr späten Abend sollte noch die Kreuzigung abgespielt werden, aber ich ging nach Hause. Es war mir zu gruselig, länger da zu bleiben.  

Der Donnerstag vor dem Karfreitag war sehr schön. Es gibt eine Tradition auf Malta, dass die Menschen am Donnerstag Abend nach dem Gottesdienst sieben Kirchen besuchen. In Cospicua, wo ich wohne, waren die Straßen am Abend voll. Ich besuchte drei oder vier Kirchen, wo die Menschen in der Stille oder bei einer sehr leisen Musik gebetet haben oder einfach so saßen. Es waren auch sehr viele wirja eröffnet ( wirja bedeutet auf Maltesisch: Ausstellung), wo Figuren und Szenen des Kreuzweges präsentiert wurden. Die Ausstellungen waren sehr oft in Klostergärten organisiert, bei dem Kerzenlicht und Feuer, was sehr schön aussah. Eine wirja wurde in dem alten Festungsgraben von Vittoriosa organisiert, wo sich jetzt eine Parkanlage befindet. Diese war besonders schön, weil zwischen den Bäumen hunderte kleine Kerzen standen.  

Am Karfreitag fand wieder eine Prozession statt. Diesmal wurden von Männern (in jeweils  8 oder 10 Personen Gruppen) riesengroße Figuren aus der Kirche  getragen. Eine Blechorchester konnte natürlich nicht fehlen. Dieser Tag wird auf Malta wie ein Nationaltrauertag gefeiert. Die Flaggen waren auf Halbmast und mit schwarzen Bänder geschmückt. Während der Prozession wurde auch die Flagge von Cospicua eingeholt und in einen schwarzen Schleier umgewickelt getragen.

Die dritte Prozession fand am Ostersonntag statt. Da war die Atmosphäre ganz anders. Die Menschen gingen nach der Messe mit einer riesigen Figur des aufgestandenen Christus (der offene Grab gehörte natürlich auch zu der Figur ) aus der Kirche und so wurde die Figur spontan durch alle Straßen der Stadt getragen, was ungefähr vier Stunden dauerte. Es gehört zu der lokalen Tradition, dass die Menschen mit der Figur ab und zu auch rennen. Man muss sich das vorstellen können: ein Grab mit einer 2 Meter hohen Menschenfigur, circa 200 Kilo. Nachdem die Figurenträger zum ersten Mal circa 40 Meter gerannt sind, gleich neben der Kirche, haben sie die Figur, wie ein Geburtstagskind drei mal hochgeworfen. Die Menschen klatschten und diejenigen die auf ihren Balkons oder in den Fenstern standen, warfen reichlich das Konfetti. Die Blechorchester spielte diesmal ganz lustige Melodien so, dass die Atmosphäre etwas von der Karnevalsatmosphäre an sich hatte.  

Gleich nach den Ostern, am Ostermontag, der hier überhaupt nicht gefeiert wird, begann das normale Leben, auch das Berufsleben. Letzte Woche kam ein neuer Praktikant in unseres Büro. Da Antoinette an dem Tag in Brüssel war, gehörte es zu meinen Aufgaben, den Praktikanten zu begrüßen und ihm möglichst viel von Malta, MCAST zu erzählen und dann ihn auch in die neuen Aufgaben einzuarbeiten. Ansonsten bin ich jetzt auch mit Vorbereitung zweier neuen Ausschreibungen von Stipendien beschäftigt und ich habe angefangen, nach neuen Praktikumsunternehmen für MCAST Studenten zu suchen. Das wird meine nächste große Aufgabe sein.  

Am Ende meines Beitrages, erlaube ich mir noch auf eine interessante Einzelheit aufmerksam zu machen. Ich habe heute ganz viel über religiösen Traditionen auf Malta geschrieben und Malta wird sehr oft als ein verrücktes katholisches Land betrachtet. Es ist aber ein Land voll von Paradoxen. Einerseits ist Katholizismus als Staatsreligion in der Verfassung bestimmt. Aber gleich vor den Ostern hat das maltesische Parlament ein Gesetz gebilligt, das die gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe gleich stellt (inklusive das Adoptionsrecht). Nur zum Vergleich: in Polen ist ein solches Gesetz immer noch nicht gebilligt worden (letztes Jahr hat das polnische Parlament mehrere Projekte eines Gesetzes über Partnerschaften abgelehnt) obwohl offiziell der Staat und die Religion getrennt sind.   

Nächste Woche kommen meine Eltern nach Malta. Da ich sie letztes mal im November gesehen habe, freue ich mich schon unglaublich auf die Zeit mit ihnen. Wir werden am Mittwoch um Mitternacht das große Feuerwerk auf dem Grand Harbour beobachten und den 10. Jahrestag des EU Beitrittes von Malta und Polen feiern.

Kirche in Paola